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SO WAR: ROCK IM PARK 2018 // DER SONNTAG, 03.06. IM RÜCKBLICK

RIP am dritten Tag heißt normalerweise der Duft-Tag. Drei Tage ungeduscht und unrasiert fern der Heimat wackeln dann meistens schon ziemlich viel Zombies über das Feld. Kam uns aber dieses Jahr nicht ganz so vor. Dafür gab es Gitarre satt: In der Arena gab sich die Hardcorefraktion die Hände und auf der Alternastage der US-Heavy-Modern Rock der Bullet For My Valentine-Schule. Wobei Parkway Drive als australische HC-Band stilistisch eigentlich in die benachbarte Arena gepaßt hätten, spielten sie Headliner auf dem mittleren Feld. Sie sind mittlerweile einfach zu groß... Fazit: Am dritten Tag gab RIP nochmal richtig Gas!
SO WAR: ROCK IM PARK 2018 // DER SONNTAG, 03.06. IM RÜCKBLICK

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Rock im Park 2018 // Sonntag, 03.06.2018

von Lea Biermann

Da mich nicht nur kleinere Festivals, sondern auch die frühen Nachmittags-Slots bei Rock im Park in den vergangenen Jahren um die ein oder andere erfrischende Neuentdeckung bereichert haben, wage ich mich zumindest am letzten Tag schon zu früher Stunde auf das Gelände. Yungblud stellt sich als relativ poppig, an manchen Stellen hoppig, und vielleicht gar etwas unbedeutend heraus, während Nothing More, die fast parallel auf der Park-Stage spielen, mit melodiösem Alternative und Power Metal-Vocals das Rad zwar nicht neu erfinden, aber durchaus tolerabel sind. Eingestreute Shouts verdrängen die gelegentliche Assoziation mit Michael Jackson auf Metal-Remix oder sogar einigen letlive.-Momenten.

Straight weiter zu The Neighbourhood, die nicht nur bei „Sweater Weather“ seelischen Beistand bieten, wenn die Melancholie tragbar wird, sondern auch mein Tipp des Monats, wenn Frau keinen Bock mehr hat auf James Blunt und The 1975 in der Period Playlist. Mit „Prey“ vom 2015ener Klassiker „Wiped Out!“ setzen sie schon einmal einen guten Anfang und nach ein, zwei weiteren Songs verstehe ich endlich, dass es kein Technikfehler ist, sondern The Neighbourhood einfach zu indie sind für die Übertragungsbildschirme, die sie nur in schwarz/weiß wiedergeben, ganz gemäß dem HTML-Color-Code und gleichzeitig Namen des Debüts „#000000 & #FFFFFF“. Medien-Sternchen Jesse Rutherford greift die Androgynität an den Eiern und stolziert oberkörperfrei mit einer weißen Rose aus dem Publikum über die Bühne, als gäbe es keine Headliner nach ihnen.

Dass zwischen dem Auftritt der nicht mal britischen Indie-Guilty-Pleasure und dem von „Ice Motherfucking T, Bitch!“ nur eine geringe Zeitspanne liegen, mag ein bisschen ironisch sein, zugegebenermaßen. Denn Ice (Motherfucking) T beklagt genau das, als ihn der „Pussy-Mosh-Pit“, der sich bei den ersten zwei Songs, dem Slayer-Cover „Raining Blood/Postmortem“ und „Bowels Of The Devil“, gleich in Bewegung setzt, zu einem Monolog über die Verweichlichung der Musikszene inspiriert. Wenn ich mal groß bin, will ich auch einmal so ein Aggressionspotenzial haben wie Ice-T. Und auch wenn sein Auftreten durchaus manchmal karikiert wirkt, kauft man ihm mit seinen 60 Jahren den Grimm ebenso ab wie vor 20 Jahren. Der neue Basser Vincent Price steht ihm und Ernie C, also den einzigen noch lebenden Gründungsmitgliedern, allerdings in Sachen Aggressionen um nichts nach, wenn er zähnefletschend einen Mikrofonständer nach dem anderen umwalzt. „There Goes The Neighborhood“ erstreckt sich über gefühlt 10 Minuten, und obwohl ich angenommen hatte, dass mir bei Body Count Mallorca-Animateur-Gehabe erspart bliebe, lässt sich Ice-T überraschenderweise darauf herab, die „Aaaaaahaaaaa“s bei „KKK“ für die Musikfernen im Publikum anzukündigen. Einen unvergesslichen Moment in meiner persönlichen Vita bildet es aber, als ich „Disorder“ zum ersten Mal bei einer BC-Show live höre – ein Medley aus 3 Exploited-Songs, damals zusammen mit Slayer für den legendären Judgement Night-Soundtrack vertont.

Von der sonnengefluteten Park-Stage in die dunkle Arena, von heiß zu… noch heißer, aber vor allem Heisskalt. Bevor die Band die Bühne betritt, klingt bereits ein fetter A-Akkord an, und aus magenta-rotem Nebel stieben die ersten Verse über die zwei Protagonisten von „Bürgerliche Herkunft“, zwei Möhren, die ebenfalls das erst vor wenigen Wochen erschienene neue Album eröffnen. Mit „Nacht Ein“ und „Nicht anders gewollt“ schlägt das neu formatierte Trio die Brücke zu den ersten zwei Alben, bevor mit „Tapas und Merlot“ wieder etwas Ruhe in den Mosh einkehrt und Sänger Mathias „Idylle“ damit ankündigt, dass nun der richtige Moment gekommen sei, sich einen Joint anzuzünden, falls man einen dabei habe. Auf dreist entgegengebrüllte Forderungen nach „Hallo“ erwidert er nur, sie würden „Hallo“ gleich spielen, man solle sich gedulden. Sobald „Wie Sterne“ ausklingt, währenddessen viele Crowdsurfer, alle Gliedmaßen ausgestreckt wie Sterne, über das Firmament der Menge schweben, wird dem Volk das zugestanden, was es verlangt und „Hallo“ bricht in einem undurchdringbaren Mosh-Pit aus, der nicht einmal von dem ekstatischen Song „Absorber“ getoppt wird, welcher das pink illuminierte Schlusslicht bildet.

Parkway Drive hingegen setzen auf eine andere Form der Stimmungsakquise. Als Fotografen werden wir vor Beginn noch gewarnt, dass uns Pyro im Rammstein-Style erwarte. Mit Übertreibungen wird an dieser Stelle nicht gegeizt, doch frage ich mich, seit wann Parkway Drive Pyrotechnik und erhabene Podeste für jeden einzelnen Klampfenspieler nötig haben, da die Metalcore-Größen im März noch im AJZ in Chemnitz auf ihrer – wenn auch schnell ausverkauften – Clubtour vor wenigen hundert Menschen ganz andere Kaliber aufgefahren haben. Einräumen muss man dennoch, dass sich die Australier selbst leicht demütig und überrascht von der Menge der Menschen zeigen, besonders weil immerhin Muse parallel auf der Centerstage spielen. Und selbst als Mama McCall auf die Bühne tritt und den nächsten Song ankündigt, wird man doch etwas nostalgisch.

Nostalgie ist auch das Etikett, welches auf Alexisonfire zugeschneidert passt. Seit zehn ganzen Jahren haben sich die Hardcore-Legenden nicht mehr in Europa blicken lassen und im Rahmen dessen fällt es nicht schwer, den Begriff ‚Meilenstein-Moment‘ in den Mund zu nehmen. Mit „Young Cardinals“ gelingt ein imposanter Aufmarsch und wenn auch keiner der folgenden Songs so eine Dynamik im Publikum hervorruft, so hinterlässt der Bassist eher zunehmend den Eindruck, sein Ritalin vergessen zu haben. Epileppy, aber happy, sagt meine Mutter immer, und mit diesem Wort zum Sonntag findet das Festival auch einen mehr als guten Ausklang.